Ohne High Tech & High Touch kommen NPOs nicht weiter!

Geschrieben von Pia | Nov 4, 2026, 11:21:18 AM

Spenden wird digitaler, mobiler und schneller. 

Die Digitale Fundraising-Studie 2026 von RaiseNow zeigt: Ein Grossteil der digitalen Spenden erfolgt mittlerweile mobil. Gleichzeitig nutzen Spender:innen eine immer grössere Vielfalt an Zahlungsmethoden – und schnelle, unkomplizierte Zahlungsprozesse gewinnen weiter an Bedeutung. Doch je einfacher und schneller die Transaktion wird, desto wichtiger wird eine andere Frage: Wie wird aus einem kurzen digitalen Spendenmoment eine langfristige Beziehung? Und welche Rolle spielen Technologie, Kommunikation und persönliche Nähe dabei?

Darüber spricht Fundraising-Expertin Sabine Wagner mit Inga Hilbig, Head of Marketing bei RaiseNow. Gemeinsam schauen sie darauf, warum modernes Fundraising High Tech und High Touch braucht – und was Organisationen ganz konkret daraus mitnehmen können.

Das erwartet dich im Interview:

Ausserdem: deine High Tech & High Touch Checkliste – inklusive konkreter Tipps, mit denen du dein digitales Fundraising Schritt für Schritt überprüfen und direkt optimieren kannst.

 

High Tech und High Touch sind Begriffe, die man vielleicht nicht sofort mit Fundraising verbindet. Wie hängen die beiden im modernen Fundraising zusammen – gerade wenn Spenden immer mobiler, schneller und vielfältiger werden?

Sabine: Für mich macht High Tech die Spende einfach – mobil, schnell und mit der gewünschten Zahlungsart. High Touch macht daraus eine Beziehung. Beides gehört zusammen: Menschen sollen genau dann unkompliziert helfen können, wenn sie ein Anliegen berührt oder überzeugt.

Das Smartphone ist dabei längst ein zentraler Spendenort, gerade bei kleinen Beträgen. Doch mit der Transaktion darf die Kommunikation nicht enden. Hier setzt High Touch an: etwa mit einer wertschätzenden Welcome Journey nach der Erstspende oder einer passenden Donor Journey, die bei einer Folgespende an die unterstützte Kampagne anknüpft. So wird die schnelle Spende zum Auftakt einer langfristigen Beziehung.

Inga: Was wir im Fundraising manchmal vergessen: Die digitalen Erwartungen steigen. Als Privatperson bin ich schnelle, reibungslose Abläufe beim Shopping und Banking gewohnt – und erwarte das auch beim Spenden. Unsere Fundraising Studie zeigt: Spenden werden digitaler und mobiler, die Zahlungsmethoden vielfältiger und die Einzelbeträge kleiner. Ich möchte in wenigen Sekunden mit meiner bevorzugten Methode spenden können. High Tech ermöglicht das. High Touch sorgt anschliessend dafür, dass aus der ersten Spende langfristige Unterstützung wird.

Sabine Wagner: Das ist auch deshalb wichtig, weil im gesamten Fundraising immer weniger Menschen durchschnittlich mehr spenden. Einfache digitale Prozesse helfen uns, auch neue, jüngere Spender:innen mit kleineren Beträgen zu gewinnen und langfristige Beziehungen aufzubauen. So werden Organisationen weniger abhängig davon, dass wenige Menschen sehr viel geben. Diese Abhängigkeit beobachte ich seit Jahren – und sie ist nicht gesund.

Inga Hilbig: Das bestätigt auch unsere Studie: Während die Spendenvolumina offline eher sinken, wächst das digitale Spendenvolumen weiter. Gleichzeitig sinkt der Median des digitalen Spendenbetrags. Um dieses Wachstum zu sichern, müssen wir deshalb mehr Menschen erreichen und ihnen schnelles, einfaches Spenden ermöglichen.

Bei neuen Technologien gibt es in Organisationen aber auch Vorbehalte – zum Beispiel gegenüber neuen Zahlungsmethoden. Welche Herausforderungen erlebt ihr bei NPOs und wie können Organisationen damit umgehen?

Sabine Wagner: Die Vorbehalte liegen meiner Erfahrung nach teilweise weniger bei den Fundraiser:innen als im oberen Management. Ich habe etwa erlebt, dass PayPal im Euroraum abgelehnt wurde. Als Beraterin erkläre ich dann: Technik ist kein Selbstzweck. Sie soll Hürden abbauen und mehr Menschen das Spenden ermöglichen.

Finden Spender:innen unkompliziert ihre gewohnte Zahlungsart, können Organisationen sich stärker auf das Danach konzentrieren: ein persönliches Dankeschön, Informationen zur Wirkung und den Beziehungsaufbau. Darum geht es: so wenig Komplexität wie möglich beim Bezahlen und so viel Relevanz wie möglich in der Beziehung.

 

 

Inga Hilbig: Solche Vorbehalte kenne ich auch, etwa gegenüber einem zusätzlichen Stripe-Account für Kreditkarte, Apple Pay und Google Pay. Dabei zeigen unsere Daten für Deutschland: 44 % entscheiden sich für PayPal, 23 % für die Kreditkarte. Auch SEPA und Banküberweisung bleiben relevant. Wo Apple Pay angeboten wird, erreicht es 2025 bereits 5 %.

Als Spenderin möchte ich die Zahlungsmethode nutzen, die ich vom Shopping kenne. Deshalb stimme ich Sabine zu: Es ist eine Mindset-Frage. Ein zusätzlicher Account sollte nicht nur als Aufwand gelten, sondern als Möglichkeit, den Erwartungen der Spender:innen gerecht zu werden. Auch auf neue Zahlungsmethoden müssen Organisationen langfristig offen reagieren – etwa auf Wero als europäisches Modell, auf das wir hoffen.

Sabine Wagner: Ich höre oft: „Ich würde das nicht nutzen.“ Aber entscheidend sind nicht die eigenen Vorlieben, sondern die der Spender:innen. Wenn wir sie erreichen wollen, müssen wir ihre bevorzugten Zahlungsmethoden anbieten.

Die Hürde liegt also manchmal gar nicht bei den Spender:innen, sondern schon vorher bei den Organisationen. Gleichzeitig soll aus einer möglichst schnellen Spende eine langfristige Beziehung entstehen. Wie gelingt dieser Beziehungsaufbau in einer immer schnelleren, digitalen Welt?

Sabine Wagner: Eine Spende ist ein starker emotionaler Moment – ich nenne ihn gerne „Schokoladenmoment“: das gute Gefühl, geholfen zu haben. Diesen Impuls sollten Organisationen aufgreifen. Die Fundraising Studie 2026 zeigt jedoch: Nur 8,6 % des digitalen Spendenvolumens sind wiederkehrend, offline liegen die Anteile teilweise bei 40 bis 50 %. Oft fehlen klare Prozesse für die digitale Beziehungsarbeit.

Nach der Spende sollten Unterstützer:innen zeitnah erfahren, was ihre Hilfe bewirkt. Ich setze dabei auf authentisches Storytelling, relevante Updates und eine wertschätzende Welcome Journey - nicht nur sinnvoll gestaltete Spendenformulare. Ich kenne erfolgreiche Beispiele, die erst in der vierten E-Mail eine Patenschaft anbieten – mit persönlichen Erfahrungsberichten und Geschichten, die zeigen, warum regelmässige Unterstützung wichtig ist. So bleibt das Gefühl erhalten: Ich habe etwas Richtiges getan und bin Teil einer Community. Daraus können Folgespenden, Patenschaften oder regelmässige Unterstützung entstehen. Gerade die zweite Spende ist ein wichtiger Schritt zur langfristigen Bindung. Marketing Automation kann helfen, passende Kontaktpunkte zu schaffen und Menschen langfristig einzubinden – bis hin zu aktiven Botschafter:innen der Organisation.

Inga Hilbig: Jede mobile Spende ist eine Einladung zu einer langfristigen Beziehung. Oft entsteht sie spontan – über Social Media, ein Mailing oder ein Plakat. Als Spenderin zeige ich damit: Das Anliegen begeistert mich, vielleicht möchte ich dranbleiben. Diese Einladung sollten Organisationen aufgreifen. In den USA ist der Anteil wiederkehrender Spenden deutlich höher als im DACH-Raum. Davon können wir lernen: mit passenden Journeys, relevanter Kommunikation und sichtbarer Wirkung.

Sabine Wagner: US-Organisationen nutzen schon die Dankesseite, um zur regelmässigen Unterstützung einzuladen oder Informationen zu einer Patenschaft per E-Mail anzubieten. So geht der Beziehungsaufbau direkt nach der Spende weiter.

Es gibt natürlich kein „One Size Fits All“. Aber wenn ihr Organisationen zum Abschluss einen konkreten Impuls geben müsstet: Was sollten sie unbedingt tun, um High Tech und High Touch besser miteinander zu verbinden?

Sabine Wagner: Der wichtigste Hebel ist ein konsequent mobil optimiertes Spendenformular. Ich würde Organisationen vier Fragen mitgeben:

  1.  Ist die Spende auf dem Smartphone in wenigen Schritten möglich – und was lässt sich vereinfachen?

  2. Bieten wir die Zahlungsarten an, die unsere Zielgruppen erwarten? Hier lohnt sich der Austausch mit dem Formularanbieter, der Daten zur tatsächlichen Nutzung hat. 

  3. Was passiert kommunikativ nach der Erstspende? Wenn noch nichts folgt, braucht es einen Plan – etwa für eine wertschätzende Welcome Journey.

  4. Testen wir regelmässig, was funktioniert? A/B-Tests können bei Betreffzeilen beginnen und später Ansprache, Spendenbeträge und Kontaktpunkte einbeziehen. Entscheidend ist, aus den Ergebnissen zu lernen und kontinuierlich besser zu werden.

Inga Hilbig: Zusätzlich würde ich nach Organisationsgrösse unterscheiden: Für kleine NPOs reicht zunächst ein mobil optimierter Spendenprozess mit mehreren relevanten Zahlungsmethoden. Bei grösseren Organisationen sind Automatisierung, A/B-Tests und ausgefeilte Journeys auch sehr wichtig. Kleine Organisationen dürfen bewusst einfacher starten.

 

 

Sabine Wagner: Auch bei der Kommunikation braucht es nicht sofort eine komplette Donor Journey. Die automatische Transaktionsmail bestätigt zunächst Spende und Zahlungsart. Ein zusätzliches, herzliches Dankeschön mit einem „Willkommen bei uns“ kann bereits viel bewirken – und ist auch für kleine Organisationen machbar.

High Tech & High Touch: Deine Checkliste für digitales Fundraising

Es geht nicht darum, möglichst viel Technologie einzusetzen. High Tech sollte das Spenden einfacher machen und High Touch dabei helfen, aus dem ersten Spendenmoment eine langfristige Beziehung zu entwickeln.

✓ Ist das Spenden auf dem Smartphone wirklich einfach?
Teste den gesamten Spendenprozess selbst auf dem Smartphone. Wie viele Schritte braucht es bis zur abgeschlossenen Spende? Sind Formular, Texte und Buttons mobil gut nutzbar? Alles, was unnötig Zeit oder Aufmerksamkeit kostet, kann zum Abbruch führen. Gerade für kleinere Organisationen ist ein konsequent mobil optimierter Spendenprozess einer der wichtigsten ersten Schritte.

✓ Bietest du die Zahlungsmethoden an, die deine Spender:innen nutzen möchten?
Gehe nicht von deinen eigenen Zahlungsgewohnheiten aus, sondern von denen deiner Zielgruppe. Prüfe gemeinsam mit deinem Payment- oder Fundraising-Anbieter, welche Zahlungsmethoden tatsächlich relevant sind. Je einfacher Menschen ihre bevorzugte Methode finden, desto weniger Reibung entsteht auf dem Weg zur Spende.

✓ Weisst du, was unmittelbar nach der Spende passiert?
Die Transaktion sollte nicht das Ende der Kommunikation sein. Prüfe den Prozess aus Sicht einer neuen Spenderin oder eines neuen Spenders: Welche Bestätigung kommt? Wann folgt das erste persönliche Dankeschön? Und erfahren Unterstützer:innen, was ihre Spende bewirkt? Schon eine wertschätzende Dankesmail kann ein wichtiger erster Schritt sein.

✓ Gibst du Spender:innen einen Grund, dranzubleiben?
Aus einem einmaligen Spendenmoment kann eine langfristige Beziehung entstehen. Zeige Wirkung, erzähle authentische Geschichten und halte Unterstützer:innen mit relevanten Updates auf dem Laufenden. Grössere Organisationen können daraus automatisierte Welcome und Donor Journeys entwickeln und beispielsweise zu einer Folgespende oder regelmässigen Unterstützung einladen.

✓ Nutzt du Technologie, um Beziehungsarbeit einfacher zu machen?
Technologie sollte kein Selbstzweck sein. Frage dich bei neuen Tools und Prozessen: Baut das eine Hürde ab? Spart es unserem Team Zeit? Hilft es uns, Spender:innen relevanter anzusprechen? Automatisierung kann beispielsweise wiederkehrende Prozesse übernehmen und damit mehr Raum für die eigentliche Beziehungsarbeit schaffen.

✓ Testest du, was bei deinen Unterstützer:innen tatsächlich funktioniert?
Verlasse dich nicht nur auf Annahmen. Teste regelmässig unterschiedliche Elemente deiner Kommunikation und deines Spendenprozesses. Das kann bei Betreffzeilen beginnen und später unterschiedliche Ansprachen, Spendenbeträge oder Kontaktpunkte umfassen. Entscheidend ist, aus den Ergebnissen zu lernen und kontinuierlich zu optimieren.

✓ Passt dein nächster Schritt zu deiner Organisationsgrösse?
Nicht jede NPO braucht sofort komplexe Automatisierungen und umfangreiche A/B-Tests. Für kleine Organisationen lässt sich der Einstieg auf drei Punkte herunterbrechen: Mobile, Zahlungsmethoden und Kommunikation. Wenn diese Basis steht, können nach und nach automatisierte Journeys, Tests und weitere Touchpoints hinzukommen.